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Der Fokus, bildungssprachlich – Schwerpunkt, Mittelpunkt des Interesses, einer Sache, einer Auseinandersetzung, eines Diskurses 

 

Warum fällt es meiner Generation scheinbar so schwer, sich zu fokussieren?

Es heißt, Millennials haben ein Problem, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Sie seien schnell abgelenkt und Fokus zähle nicht zu ihren Stärken. Tatsächlich kommt die Klage über die mangelnde Fähigkeit Fokus zu entwickeln auch aus meiner Generation selbst. Hoffnungslose Überforderung mit den kleinsten Aufgaben und Unfähigkeit, sich zu konzentrieren – geschweige denn, zu fokussieren.

Mit der Überforderung kommt Unruhe und mit der Unruhe kommt die Angst. Das Spannende dabei ist aber: die Angst, die vermeintlich durch die Überforderung ausgelöst wird, hat ihren Ursprung an einem anderen Punkt.

Aber fangen wir noch einmal beim Fokus an. Warum fällt es denn “einer ganzen Generation” so schwer, Fokus zu entwickeln?

Gleich vorweg: Es fällt natürlich nicht der ganzen Generation Y schwer, sich zu konzentrieren. Vielmehr verstecken einige von uns sich gern hinter solchen pauschalen Behauptungen, die zwar sicherlich im Kern Wahrheit tragen, aber wie die meisten Pauschalaussagen viel eher die wahrgenommene, als die echte Realität widerspiegeln.

Definitiv der Fall ist: wir leben in einer Welt, die uns die Ablenkung auf dem Silbertablett serviert. Wenn wir uns ablenken wollen, müssen wir nicht mal mehr dafür aufstehen – ein Griff zum Handy und das Problem ist erledigt.

 

Nicht selten passiert es da, dass man eine Dreiviertelstunde auf TikTok zubringt, ohne es zu merken. 

 

Fokus klingt da wie eine lästige Forderung etwas zu tun, was wir eigentlich gar nicht brauchen: die tiefe und differenzierte Auseinandersetzung mit einer Thematik. Dabei war es nie leichter, in kürzester Zeit auf eine solche Menge an Informationen zuzugreifen, wie wir es heute jederzeit können – um uns mit etwas auseinanderzusetzen und bestmöglich weiter zu bilden.  Und nie schien es nötiger, dass wir immer und zu allem bestmöglich informiert sind. “Immer und zu allem” bedeutet aber nunmal auch: zu den meisten Dingen nur sehr oberflächlich. Entwickelt man selbst keinen Fokus wenn man sich mit einem Thema auseinandersetzt, läuft man Gefahr, von Thema zu Thema zu Thema zu springen – und nirgends wirklich tief einzusteigen.

 

Der Vorteil: man eignet sich grundsätzlich viel Wissen an – nur, wie oben bereits beschrieben, sehr oberflächlich. Ist es jetzt notwendig, dass man sich tiefer und langfristiger mit etwas auseinandersetzt, wird es schwierig.

 

Denn: Konzentration kann – und muss – man lernen. Und wie bei so vielen Dingen im Leben gilt: “Use it or lose it”. 

 

Wer es nicht gewöhnt ist, sich zu fokussieren, dem wird dies nicht auf Anhieb gelingen. Es entsteht Frust – und schnell sucht man sich etwas, das den Frust durch vermeintlich angenehme Gefühle kompensiert. Das Problem: Je häufiger man sein Glück in der kurzfristigen Ablenkung und dem dauerhaften Konsum von Input sucht, desto weniger wird man in der Lage sein, sich auf eine – nur eine – Sache zu konzentrieren.

Man gestattet sich selbst nicht, das angeeignete Wissen oder die Information in Ruhe zu verarbeiten – zu reflektieren und zu verinnerlichen. Das Ergebnis ist das Gefühl eines immer gefüllten, immer arbeitenden und nie zur Ruhe kommenden Geistes. Dieses Gefühl wird zu Überforderung – und diese Überforderung wird zu Angst. Angst, nicht genug zu schaffen, nicht genug zu wissen – und ultimativ: nicht genug zu sein.

Denn eigentlich ist genau das das Problem: viele Menschen (und ich sage bewusst nicht: Millennials, weil das nicht nur ein Problem meiner Generation ist) haben ursprünglich das Gefühl, sie seien nicht genug. Oft ist es genau dieser wahrgenommen nicht vorhandene Selbstwert, der dazu führt, dass man sich erst ununterbrochen ablenken möchte. Ablenken von der Auseinandersetzung mit sich selbst. Es ist emotional so viel einfacher, die Augen vor etwas zu verschließen, was schmerzt – als sich genau damit auseinanderzusetzen; mit all der Zeit, Ruhe und Geduld, die dafür nötig ist.

 

Das Gefühl nicht genug zu sein wird überdeckt mit einem nicht enden wollenden Konsum an noch einer Podcast-Folge, noch einem Video und noch einem mal durchscrollen des Feeds egal welcher App. Dabei ist das Problem an sich nicht neu – nur haben wir nie zuvor in einem Umfeld gelebt, das ähnlich wie Zuckerwatte für Kinder unruhigen Geistern die Möglichkeit bietet, noch mehr von allem zu wollen.

 

“Je mehr von allem anderen, desto weniger von mir selbst.”

 

Doch wie lernt man denn Fokus, wenn der Kern des ganzen viel tiefer liegt? In meinen Augen muss man nicht sein ganzes Leben aufarbeiten, bis man in der Lage ist, seinen Geist zu beruhigen und nicht konsequent nach Ablenkung zu suchen.

Tatsächlich glaube ich, dass wie bei vielen Dingen es vor allem eine Frage von Training ist.

Ich bin sicher niemand, der gute Lerntipps geben kann – dafür gibt es diverse YouTube Videos, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Aber: Konzentration und Fokus können zur Gewohnheit werden. Schafft man es, Phasen konzentrierter Arbeit jeglicher Art nach und nach in eigene Routinen zu übernehmen, wird auch die Konzentration irgendwann zur Routine.

Am Ende ist es egal, welcher Generation ihr angehört – ihr werdet um ein wenig (mehr) Selbstdisziplin nicht herumkommen. Und glaubt mir, solltet ihr damit Schwierigkeiten haben: ihr seid nicht allein.