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Lasst uns mal drüber reden, dass manche Leute nicht nur privilegiert sind, sondern sich genau dafür schämen. Es gibt sogar Leute, die Andere dafür anklagen, ihre Privilegien zu leben.

Klingt verrückt? Nennt man privilege-shaming. Einfach mal googlen.

Privilegien sind aktuell ein riesiges Thema. Die Einen haben sie, die Anderen nicht. Nicht selten verhärtet diese Ungleichheit die Fronten auf beiden Seiten.

Man belächelt oder beschuldigt einander gerne, macht Vorwürfe und versucht anzuklagen.

Aber warum eigentlich? Warum fällt es vielen Menschen so schwer, aufeinander zuzugehen?

Warum ist es so schwer – Gott bewahre – miteinander zu reden?

 

Wie wichtig sind Privilegien?

 

Eigentlich müsste ich sagen: mir persönlich sind sie egal.

Es ist mir egal, welche Hautfarbe mein Gegenüber hat und welchem Geschlecht die Person sich zugehörig fühlt.

Ich höre innerlich schon die ersten Stimmen rufen “Aber das kannst du nur sagen, weil du selbst solche Probleme nie hattest!”

(Und wenn wir ehrlich sind: ganz egal können einem solche Dinge gar nicht sein – evolutionsbiologisch schon nicht. Ich halte viele wahrgenommene Unterschiede allerdings auch für gesellschaftlich konstruiert.)

Es stimmt, ich bin eins der privilegiertesten Wesen auf der Welt: ich bin eine junge, weiße Frau und lebe in Deutschland.

Und während ich selbst nie wegen meiner Hautfarbe diskriminiert worden bin, ist mir Diskriminierung kein Fremdwort.

Ich weiß zwar nicht, wie es sich anfühlt, wegen seiner Hautfarbe benachteiligt zu werden.

Ich weiß aber sehr wohl, wie sich Diskriminierung anfühlt. Obwohl ich in der Krone meiner Privilegien lebe. Obwohl mir doch eigentlich die Welt zu Füßen liegen müsste – komisch, oder? (Ich hoffe, ihr lest mein ironisches Schmunzeln an dieser Stelle)

Und genau da kommen wir zu einem spannenden Punkt: Erwartungshaltungen.

Oft ist es nämlich so, dass wir etwas vom Leben oder von anderen Menschen erwarten. Respekt zum Beispiel. Oder Fairness. Grundsätzliches Verhalten im Rahmen eines “ethischen Konsens”. Klingt erstmal sinnvoll. Irgendwie.

 

Wie realistisch ist der Anspruch auf Fairness?

 

Ich höre erneut Leute protestieren wenn ich jetzt sage: Fairness ist von Menschen gemacht – die Natur kennt keine Fairness.

Die Natur kennt nur überleben oder nicht überleben und sie wertet nicht. Bei uns Menschen ist das ein bisschen anders. Wir denken nicht in Schwarz und Weiß (pun intended) – wir denken in Graustufen. Verdient es nicht jeder Mensch, respektiert zu werden? Haben wir nicht alle ein Recht auf Fairness und Anerkennung?

Die Antwort ist in meinen Augen: Nein. Dieses vermeintliche Recht ist eigentlich nicht real. Oft erwarten wir Dinge vom Leben, die wir gar nicht erwarten können. Warum? Weil es uns so beigebracht wird. Oder auch nicht. Je nachdem.

Und das ist auch schon der nächste Punkt: Unsere Prägung bestimmt, wie wir die Welt sehen. Welche Paradigmen wir entwickeln. Und wie wir uns selbst wahrnehmen.

Denke ich selbst, ich sei schwach, weil ich eine Frau bin? Denke ich, man halte mich für wertlos, weil ich schwarz bin? Glaube ich, die Leute mögen mich weniger, weil ich aus dem Raster jeweiliger Ideale falle?

All diese Fragen beantworten sich oftmals aus dem Kontext, in dem wir aufgewachsen sind.

Werden wir zu Menschen erzogen, die an Selbstbestimmtheit glauben? Menschen, die Eigenverantwortung übernehmen und aus jeder Situation das Beste machen?

Oder werden wir zu Menschen, die sich selbst nichts wert sind und vor allem Anderen die Schuld für zerplatzte Träume geben?

 

Wie real ist strukturelle Diskriminierung?

 

Sehr real. Natürlich ist sie das, leider. Ich möchte niemandem erzählen, alle Menschen hätten die gleichen Chancen. Das wäre totaler Stuss. Wir können eine Millionärstochter nicht mit einem Kriegsflüchtling vergleichen – selbst wenn sie es wollten, werden ihre Möglichkeiten höchstwahrscheinlich nie die gleichen sein.

Wir können äußere Einflüsse nicht beeinflussen. Wir können aber beeinflussen, wie wir selbst darauf reagieren.

Wenn wir nun glücklicherweise mit Privilegien groß geworden sind, um die Andere uns beneiden (denn das ist oft ein springender Punkt), dann können einige sehr interessante Dinge passieren.

Zum Einen sind wir selbst, sofern wir dazu keinen Bezug haben, mit manchen Problematiken gar nicht vertraut. Hunger? Kennen wir nicht. Rassismus? Nie drunter gelitten. Krieg? Das letzte mal gesehen auf Twitter.

Wenn wir jetzt über diese Themen sprechen – als “Unwissende” – kann es passieren, dass wirklich Betroffene sich angegriffen fühlen und uns dafür zur Rechenschaft ziehen.

Leider passiert das oft auf eine nicht minder unglückliche Art und Weise, denn: schnell wird versucht, das vermeintlich böse privilegierte Gegenüber in “seine” Ecke zu drängen und dafür anzuklagen.

Statt eines Austausches und beidseitig gestellten Fragen wird sich gegenseitig die Schuld gegeben.

Hier befindet sich paradoxerweise die vermeintlich schwächere weil weniger privilegierte Person in der stärkeren Position, denn: sie kann ihr Gegenüber der Ignoranz und des Unwissens anklagen, ihr Schuld und Scham einreden für die Privilegien, die ihr Gegenüber hat – und sie nicht.

Plötzlich sind also die Rollen verdreht und man schämt sich für das Glück, das man vermeintlich hat, in Milch und Honig geboren worden zu sein.

Ich überzeichne das Bild bewusst, leider fühlt sich eine solche Situation aber genau so an.

 

Ist Mitleid toxisch?

 

Oft entsteht aus der neuen Perspektive und dem Schamgefühl heraus dann Mitleid und der Wunsch, für vermeintlich mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Das geschieht aber, wie gesagt, eher aus einem innerlich empfundenen Zwang heraus, als aus wirklicher Nächstenliebe.

Die Scham über die eigenen Privilegien lässt einen dann kuriose Dinge tun – oftmals sogar Dinge, die eigentlich keinen Sinn machen.

Statt zum Beispiel Schwächere zu bestärken und zu befähigen, versucht man nun, sie zu schützen. Man bietet Hilfe – statt Hilfe zur Selbsthilfe. Und damit macht man eigentlich die Kluft nur noch größer und verstärkt auf beiden Seiten das Gefühl, wir hätten den Anspruch auf irgendetwas auf der Welt, ja sogar auf Gerechtigkeit.

Das Thema ist um einiges tiefer, als ich das jetzt hier so oberflächlich anreiße. Wir kratzen schnell an Themen wie Generationenkonflikten, Erbtraumata und Identitätspolitik, auf die ich in dem Umfang weder eingehen kann, noch möchte.

Alles was ich möchte, ist dafür zu sensibilisieren, dass wir natürlich alle dazu beitragen, dass die Welt ein besserer oder schlechterer Ort für uns alle wird.

Das tun wir auf die verschiedensten Arten: durch Konflikte genauso wie durch den wertschätzenden Austausch im Gespräch.

Kein Weg ist der richtige, keiner der falsche. Trotzdem hilft es, sich ab und an mal zu fragen, ob man wirklich sein Bestes tut, um mit dem Gegenüber auszukommen und sowohl ihm, als auch sich selbst das Leben leichter zu machen.