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“Du musst einfach mal bei einer Sache bleiben und die durchziehen!”

“Wenn du dich für etwas entscheidest, dann bleib auch dabei!”

“Jetzt zieh doch endlich mal eine Sache durch!”

 

Uff – da sind sie wieder, Sätze die in meiner Magengegend immer für Unwohlsein sorgen.

Ich muss… was muss ich eigentlich? Ich muss gar nichts, oder?

Lasst uns mal darüber reden, warum es manchmal so schwer ist, an etwas dranzubleiben, wenn man davon nicht mehr überzeugt ist.

Lasst uns darüber reden, warum Gefühle oft eben keine valide Entscheidungsgrundlage sind und warum auch das fünfte mal Umentscheiden heute leichter ist, als jemals zuvor.

 

Warum entscheiden sich Millennials so oft um?

 

Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Je mehr Auswahl wir haben, desto schwieriger wird es für uns, uns zu entscheiden – und bei dieser Entscheidung zu bleiben.

Das gilt für Jobs, Beziehungen, Wohnorte – ja, für so ziemlich alles.

Nie war es leichter als heute, eine Entscheidung nicht zu treffen. Nie war es leichter als heute, sich direkt wieder umzuentscheiden. Nie war es leichter als heute, etwas neu anzufangen und Dinge nicht zu Ende zu bringen.

Das nächste Date wartet auf Tinder, nachdem man sich daheim unverstanden fühlt. Warum bleiben? Der Typ versteht mich doch eh nicht und mein wahrer Seelenverwandter wartet sicher um die nächste Ecke.

Private Projekte abschließen, warum? Nie war es reizvoller, jeden Tag neue Dinge anzufangen und die alten Versuche einfach wegzuwerfen. Alles neu macht… nicht nur der Mai. Konsum kann so schön sein, wenn man die Spuren regelmäßig beseitigt.

Der Chef ist ein Dinosaurier, Konzernstrukturen killen die eigene Kreativität und alle Freunde arbeiten bei hippen Start-Ups, die coole Workations machen und regelmäßig ihren Social Media Auftritt pflegen?

Warum bleiben? Warum dabeibleiben? Warum durchbeißen?

Wenn einen alles im eigenen Zweifel bestätigt, wie hält man sich selbst auf einem Kurs, den man doch selbst gar nicht halten möchte?

 

Sind Millennials verwöhnt?

 

Die kurze Antwort ist: Ja, sind wir.

Wir sind verwöhnt und übersättigt. Nein, natürlich nicht alle von uns – aber ein zunehmend größer werdender Teil von uns. Wir gehen nicht mehr arbeiten, um zu überleben. Das haben unsere Eltern oder Großeltern für uns getan.

Bevor jetzt wieder jemand klugscheißert: nein, natürlich rede ich nicht von ALLEN MENSCHEN MEINER GENERATION. Nur von einigen. Und einige davon wirst auch du, lieber Leser, kennen.

Eigentlich könnte dieser Artikel eine Hommage an die Disziplin sein. Oder eine Ode an die Standhaftigkeit. An die Verlässlichkeit, an das Durchhaltevermögen.

Stattdessen möchte ich ein Gefühl dafür geben, wie es ist, im Schlaraffenland aufzuwachsen. Ich bin wirklich nicht mit dem goldenen Löffel im Hals aufgewachsen – aber ich habe mir den goldenen Löffel selbst anerzogen. Oder eher: ihn mir angewöhnt.

Unendliche Möglichkeiten, eine Welt, die einem vermeintlich an jeder Ecke bessere Angebote macht.

Die eigene Unsicherheit, die einen glauben lässt, man müsse von allem mehr machen. Mehr wissen, andere Dinge wissen, andere Dinge machen. Hauptsache weiterentwickeln – Hauptsache, nirgendwo zu lange bleiben. Bloß nicht ankommen. Bloß. Nicht. Stehenbleiben.

Dabei gehört es dazu, durchzuhalten. Dabeizubleiben. Zur eigenen Entscheidung zu stehen.

Auch, wenn man zeitweise daran zweifelt.

 

Manchmal ist die größte Weiterentwicklung die Fähigkeit, stehen zu bleiben. Und manchmal merkt man, während man stehen bleibt, dass man im Stehen viel besser durchatmen kann.